Als die Heuernte den Bus ausbremste
Zum Gemeindejubiläum erzählt Siegfried Jauß von früher: 1960 war Hattenhofen halb so groß, hatte aber vier Tankstellen und 16 Wirtschaften. Viele Zuhörer beim Dorfrundgang mit den Jedermännern.
Kaum zu glauben, der Besucherstrom zum Sauerbrunnen will kein Ende nehmen. Am Ende sind es über 70 Einheimische und Auswärtige, die laut Michael Rau „nicht umsonst, sondern kostenlos“ trotz Hitze und einem Freitag, den 13., der Einladung der „Jedermänner“ folgten. „Wir hatten mit etwa 30 bis 40 Leuten gerechnet“, verrät Initiator Siegfried Jauß, der als treuer Jedermann, Wegbereiter und Ur-Hattenhofener einiges zum Dorfleben erzählen wollte und seine Intention dahinter offenbarte. „Es geht nur um das Jahr 1960, wie ich damals als neunjähriger Bub Hattenhofen erlebt habe.“ So sei sein Rundgang keine Konkurrenzveranstaltung zu den bereits stattgefundenen weitreichenden Rückblicken vonseiten des Kreisarchivars Dr. Stefan Lang und Bürgermeisters Jochen Reutter, sondern vielmehr ein Beitrag der TSGV-Abteilung Jedermänner im Zuge des Gemeindejubiläums.
„1960 hatte Hattenhofen circa 1547 Einwohner, 28 Geburten und 25 Todesfälle“, verrät Sieger, wie man ihn nennt und kennt, und beginnt seine Tour in Reustadt. „So hat seinerzeit die Butzbach-Brücke ausgesehen“, lässt er die erste von zehn historischen Bildaufnahmen rumgehen und verrät einige mehr oder weniger bekannte Namen.
Spitzname: Nachtlokal
Darunter Hermann Äderle, der eine Autowerkstatt mit Tankstelle betrieb, Strickwaren Binder, der 70 bis 80 Heimarbeiterinnen beschäftigte, sowie Grötzingers vom Gasthaus Hirsch, das den Spitznamen „Nachtlokal“ innehatte, weil „das Licht erst eingeschaltet wurde, wenn Gäste gekommen sind“, weiß der heute 73-Jährige zu berichten.
Unvergessen, „d’Felders Rosa“, die nicht nur als Hebamme die Gemeinde vergrößerte, sondern sich auch um „Schnittwunden und fascht älles“ gekümmert habe. „Der machte bestimmt nix falsch“, kommentiert Sieger den in einer „Villa wohnenden Zahnarzt Bretau“ und erinnert zudem an den Einkaufsladen Fütterling.
Mitten drin und voll dabei ist unter anderem Christian Siller, der Beispiele nennt, „wo ein paar Sätze wesentlich mehr vermittelt hätten“. So nannte er ihren „passenden Vornamen Emma“ und vervollständigte, dass die Geschäftsfrau „Kriegswitwe war und sechs Kinder hatte“. Der geschichtlich interessierte Hattenhofer war nicht der Einzige, der im Eifer des Wissens die mehrfach angekündigte „Route 1960“ verließ, nicht wenige darunter, die in historischer Plauderlaune schnell 20, 30 Jahre davor oder danach abschweiften.
Die Hattenhöfer „Healeskischt“
Nichtsdestotrotz, Siegfried Jauß machte launig weiter – denn es gab noch viel zu entdecken. Eine Herausforderung war das Aufeinandertreffen zweier Frank-und-Stöckle-Busse, damals noch in der Hauptstraße als „Hattenhofener Healeskischt“ bekannt, wo „oiner emmer rückwärts fahra musste“, erzählt Sieger und lädt zur ersten Pause mit (Sauer)Wasser und Waffelkeksen ein. Besonders in Erinnerung blieb ihm die Heuernte am 17. Juli 1960, „aufgrund der vielen Bulldogs in Reustadt mussten die Busse ewig warten.“ Was die Infrastruktur betrifft, war Hattenhofen gut aufgestellt. Auf insgesamt 16 Gaststätten kam der Erzähler, nannte je vier Einkaufsläden und Tankstellen, drei Bäckereien, zwei Frisöre und nahezu jedes Handwerk wie Baugeschäft, Elektriker, Flaschner, Maler, Nähstube, Sattler, Schneider, Schreiner, Schuster – manche sogar doppelt.
„Im Rathaus befand sich die Arrestzelle, die Feuerwehr und irgendwo der Bürgermeister“, verrät Sieger lachend und erinnert im Buchele an das Milchhäusle, den Löwen und Farrenstall und an die Lewa, die Uhrenarmbänder herstellte. „Die Bänder, die entsorgt wurden, hat mein Opa gesammelt und für 5 bis zehn Pfennig verkauft, insofern war er der erste Wertstoffhändler Deutschlands“, scherzt dessen Enkelsohn.
Gegenüber vom Gasthaus Lamm, wo einst das Waaghäusle stand, gab es kleine „Landjäger“ zur Stärkung, später wurden durch Siegers Serviceteam Laugaweckle mit Brausebonbons, Most, Schmalzbrote und Schnaps angeboten.
Bruckwiesen, Darlehensgasse, in der es damals ein Gemeinschafts-Kühlhaus gab, Hirtengässle, Höfle, Oberdorf und Sommerweide – viele Geschichten, die Siegfried Jauß in drei Stunden zu erzählen wusste. Doch damit nicht genug. Etwa dreiviertel der Rundgänger ließen den tollen Tag im super bewirtschafteten Schützenhaus bei Speis und Trank ausklingen.
Preisvergleich von 1960 zu 2025
Siegfried Jauß hat sich bei seiner Reise in die Vergangenheit die Mühe gemacht, Preise heute und damals ins Verhältnis zu setzen. Er kam auf Erstaunliches.
Verdienst: Durchschnittlicher Stundenlohn anno 1960: 2,53 Mark, heute 24,59 Euro (48,09 Mark). Kosten: Laugenwecken/Stück: 8 Pfennig / 1 Euro, Arbeitszeitwert (AW) pro Wecken: 1,89 / 2,44 Minuten; Kosten Bauplatz: 4 Mark der Quadratmeter, heute 380 Euro, AW pro m²: 1,58 / 15,45 Stunden; Kosten Bier/Gastro: 60 Pfennig / 4,30 Euro, AW pro bestelltes Bier: 14,2 / 10,5 Minuten; VW-Käfer: 5000 Mark, 21.000 Euro (Beetle), AW pro Auto: 1976,3 Stunden / 854 Stunden.

































